Der Arbeitsvertrag von Holger Kausch (Name geändert) endete Anfang dieses Jahres. Fünf Jahre hat der 55-Jährige als Geschäftsführer ein mittelständisches Unternehmen mit 150 Mitarbeitern geführt. Gern hätte der Bayer verlängert. Doch dann wäre mit 60 Jahren definitiv Schluss gewesen und eine Beratertätigkeit in der Maschinenbaubranche durfte er frühestens mit 63 Jahren beginnen. Keine Zukunftsperspektive, fand der agile Mann.
Deshalb stand eine Neuorientierung für die letzten Arbeitsjahre an: Nochmals als angestellte Führungskraft oder in die Selbstständigkeit?
Das Rentnerleben lockte ihn nicht, er wollte eine Neuorientierung
Für die Entscheidung nahm er sich eine halbjährige Auszeit und ließ sich von Christian Geissler begleiten. Den Münchener Coach und Trainer hatte er bereits im Unternehmen eingesetzt. "Mir gefielen das strukturierte Vorgehen und die bildhaften Umsetzungen. Vor allem bestand zwischen uns bereits ein vertrauensvolles Verhältnis", sagt der Coaching-Teilnehmer. Auch sei er auf Augenhöhe, weil er als Vorstand von Commax Consulting ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern führe.
"Unternehmenserfahrung, besser Führungserfahrung, sollte ein Coach haben", meint auch Sabine Hebenstrick. Die 41-Jährige hat sich beim Berufsaufstieg zur Prokuristin der DIHK Bildungs-GmbH begleiten lassen: "Ich kann dieses Tool fürs Selbstmanagement schlecht empfehlen, wenn ich es nicht selbst in Anspruch nehme." Das Feedback eines externen Coaches sei automatisch neutraler als die Rückmeldungen von Arbeitskollegen oder Vorgesetzten. Gerade die "unangenehmen Gespräche" seien für sie die wichtigsten gewesen. "Für ein produktives Feedback benötigt ein Begleiter Mut und eine einfühlsame Unerbittlichkeit", meint Hebenstrick, "denn damit ich meine Fähigkeiten entwickle, muss mir ein Coach auch mal auf den Füßen stehen." Gerade beim Arbeitsplatzwechsel sei eine fachkundige Unterstützung sehr wichtig.
Zunächst ging es bei Kausch um ganz praktische Hilfen: Wie verhalte ich mich gegenüber Headhuntern? Wie formuliere ich ein Bewerbungsschreiben? Wie führe ich ein Bewerbungsgespräch? Eine völlig neue Situation, denn in den vergangenen Jahren saß er als Geschäftsführer immer auf der anderen Seite des Tisches. "Ganz wichtig war für mich die Strukturierung der Auszeit", erzählt Kausch, "bisher hatte ich Rahmenbedingungen: meinen Arbeitsplatz, meine Mitarbeiter." Nach der Auflösung des Arbeitsvertrages war der 55-Jährige auf sich gestellt. Das erfordere mehr Eigeninitiative.
Für die Bildungsexpertin Hebenstrick ist das verständlich: "Nach der Kündigung fallen gerade Führungskräfte in ein Loch, denn sie haben eine ehrgeizige Natur." Für Jobwechsler hält Geissler ein Curriculum parat. Je nach vorheriger Absprache sind innerhalb von drei bis sechs Monaten zumindest zehn zweistündige Treffen vorgesehen. In der ersten Phase geht es um persönliche Fragen: Welche Werte sind wichtig? Wie wichtig sind beruflicher Erfolg und materieller Wohlstand? Welche Rolle spielt die Familie? Das schafft Grundlagen für die weitere Lebens- und Berufsplanung. "Für Führungskräfte zählt weniger, dass sie schnell eine neue Anstellung bekommen", so Geissler, "sondern dass sie den richtigen Job finden." Dafür müssten sie Geduld entwickeln, um das alte Arbeitsverhältnis zu beenden: "Auch wer freiwillig ausscheidet, nimmt einen oft schmerzvollen Abschied", so Geissler, der seit 15 Jahren Führungskräfte begleitet. Wer das hinter sich habe, könne kraftvoll neue Herausforderungen angehen.
Das bestätigt Helmut Meyer: "Gerade Führungskräfte verlieren mit dem Job häufig Anerkennung, Wert und Struktur." Die Kündigung werde oft als Schock erlebt, so der Geschäftsführer der Roots&Wings-Academy, der in den vergangenen zehn Jahren mit seinem Team Outplacementprogramme für 11 500 Mitarbeiter aufgelegt hat, darunter 450 Führungskräfte. Aus der Angst heraus werde oft zu schnell die nächste Führungsposition übernommen. "Die landen dann genau da, wo sie vorher waren", meint der 51-jährige Starnberger. Die Pause sollte genutzt werden, um die eigene Lebens- und Arbeitsqualität zu steigern. Dazu müssten sich die Manager bewusst machen, welche Kräfte und Anforderungen im globalisierten Arbeitsmarkt auf sie wirken. Die berufliche Entwicklung sei eine Folge der persönlichen Entwicklung, meint Meyer, denn entscheidend für die weitere berufliche Entwicklung sei die persönliche Ebene, erst in zweiter Linie fachliches Wissen. Deshalb müssten sich Business-Coaches auch in den Innenwelten auskennen: "Arbeitgeber kaufen sich mit einer neuen Führungskraft Wissen und Erfahrung ein, suchen aber zunehmend Menschen mit Spirit."
Deshalb geht es in der zweiten Phase von Geisslers Fahrplan um berufliche Selbstreflexion: Was war gut auf der Arbeitsstelle? Was schlecht? Noch wichtiger: Was kann ich richtig gut?
Was war gut auf der Arbeitsstelle? Was schlecht? Was kann ich richtig gut?
Und was möchte ich künftig vermeiden? Das muss nicht unbedingt zu einer anderen Tätigkeit führen. Michael Krah (Name geändert), der denselben Prozess durchlief, entschied sich für eine ähnliche Aufgabe wie bisher: Vergütungssysteme für mehrere tausend Mitarbeiter in Europa. Allerdings in einer anderen Branche. Krah erkannte: "Um klare Stellungnahmen und folgende Konflikte drücke ich mich gerne herum."
Gerade in seinen virtuellen Projektteams, die über die Welt verstreut arbeiten, hatte er Probleme, einen klaren Standpunkt einzunehmen. Mit einem Jobwechsel allein wäre es also nicht getan, erkannte der Personaler im Zusammenspiel mit Geissler. Vielmehr galt es, Verhaltensweisen zu ändern: aktiv auf Schwierigkeiten zugehen statt abwiegeln. "Durch das Coaching bin ich darauf aufmerksam geworden, dass ich mir selbst im Weg stehe und meine Fähigkeiten nicht voll nutze", so der 40-Jährige. JENS GIESELER
Führungskräfte: Ob Neuorientierung oder Jobwechsel - Führungskräfte greifen auf den Rat und die Expertise von Coaches zurück, um richtige Entscheidungen für sich persönlich und die berufliche Zukunft zu fällen. Eines müssen die meisten erst einmal lernen: Geduld haben, um sich vom Arbeitsplatz zu verabschieden, auch wenn der Weggang freiwillig war.
Quelle: VDI Nachrichten, Göppingen 24.07.2009
Jens Gieseler
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